rainerkrispel
30 Jahre Hosen

»Solange Johnny Thunders lebt, solange bleib ich ein Punk«, hieß es in »Wort zum Sonntag« 1986. Thunders ist lange tot, Die Toten Hosen prosperieren. Ob sie noch Punks sind, schert längst keinen mehr, als Live-Band sind sie eine Einserbank. Jahr für Jahr sorgen Fußball-Meisterschaften, Ski-Weltcup-Rennen oder Tennis-Turniere für wiederkehrenden Rummel bei Sportfans. Der sommerliche Festival-Zirkus im Rock- und Popbereich funktioniert durchaus vergleichbar. Die Musik spielt dabei vielleicht nicht immer die zentralste Rolle, nebensächlich oder gar austauschbar sind die Bands und Musiker dabei aber bestimmt nicht. Vor allem nicht jene Namen, die in großer Schrift ganz oben auf den Plakaten der Festivals mit der massivsten Beschallung stehen. Wie: Die Toten Hosen.

Gestartet 1982 in der »Modestadt Düsseldorf« – so ein früher Songtitel – spielen Sänger Campino (Andreas Frege), die Gitarristen Kuddel (Andreas von Holst) und Breiti (Michael Breitkopf), Bassist Andi (Andreas Meurer) und Drummer Vom Ritchie (seit 1998 der vierte Mann auf diesem Posten) seit Langem in der Champions League des Livemusikgeschäfts. Und das nicht nur im deutschsprachigen Raum. Die Toten Hosen feiern heuer nämlich neben dem 30-jährigen Bandjubiläum eine auch schon wieder 20 Jahre währende, heftige Liebesgeschichte mit dem argentinischen und südamerikanischen Konzertpublikum. Wer die Band einmal dort bei der Arbeit erleben will, hat am 15. September in Buenos Aires dazu Gelegenheit.

Mit dem Ballast der Republik durch die Lande

»Wenn die Frage ist, ob ich noch gerne Gitarre spiele, dann ist die Antwort ja«, sagt Michael Breitkopf am Telefon. Der Musiker, der Anfang Februar seinen 48. Geburtstag feierte, ist ein freundlicher und professioneller Gesprächspartner. Nach drei Jahrzehnten im Geschäft ist er an den Ablauf von der Veröffentlichung eines Albums und dem begleitenden Konzert- und Medienaufkommen gewöhnt. Bei aller Interview-Routine vermittelt er ungezwungen und ohne es konkret zu sagen seinen intakten Spaß an der Sache, an der Band. Das Gefühl, dass es selbst, wenn es ein Job sein mag bei den Toten Hosen in die Saiten zu greifen, doch einer der lässigsten Jobs ist, der auf diesem Planeten zu haben ist. Zuhause greift er täglich zur Konzertgitarre, versucht sich an neuen Spieltechniken. »Wenn wir unterwegs sind, schaut das anders aus.«

Unterwegs sind Die Toten Hosen in den nächsten Monaten viel, gilt es doch das neue Album »Ballast der Republik« ans Publikum zu bringen. 16 neue Lieder, die sie mit Produzent Vincent Sorg und Arrangeur Tobias Kuhn (Monta, Thees Uhlman) aufgenommen haben. Dazu kommt in limitierter Auflage das Jubiläumsalbum »Die Geister, die wir riefen« mit noch einmal 15 Liedern – Coverversionen von deutschen Punk- und Zeitgenossen wie Abwärts, Mittagspause oder S.Y.P.H., aber auch von Die Ärzte, Falco, Kraftwerk oder Ton Steine Scherben. Dazu wagen sie sich mit Adaptionen von Hannes Wader, Fritz Grünbaum oder der Vertonung eines Textes von Hermann Hesse über das angestammte Toten Hosen-Territorium hinaus, finden dabei zu der Leichtigkeit und Verspieltheit zurück, die jüngeren Studio-Alben wie »In aller Stille« gefehlt haben. »Ich finde aber auch das eigentliche Album optimistischer und luftiger«, sagt Breitkopf. Mit ein Verdienst von Sorg und Kuhn, denen es gelungen ist, das System Hosen »aufzubrechen». 150 Lieder hätten theoretisch ihren Weg auf das Album finden können, hier genießt Campino auch innerhalb der Band eine Sonderrolle. »Er ist der einzige von uns, der Texte schreibt.«

Aktuell sind Die Toten Hosen in ihrer Jubiläumssaison auf Magic-Mysterie-Tour, eine der bisherigen Stationen 2012 lag gar in Island. »Das ist ein ganz anderer Kontakt zum Publikum, das spüren wir bei solchen Konzerten noch unmittelbarer.« Dafür und für die bevorstehenden Gigs bei Rock im Park, Rock am Ring und beim Nova Rock in Nickelsdorf diesen Frühling und Sommer hat sich die Band ein Repertoire von 70, 80 Songs quer durch die eigene Diskografie antrainiert, darunter »Lieder, die wir seit 1983 nicht mehr gespielt haben.« Da wäre mensch gerne Mäuschen im Proberaum gewesen, beim kollektiven Wie-ging-das-noch? Spannend war es für die Band zu sehen, welche der neuen Lieder live funktionieren und welche nicht. Dass die aktuelle Single »Tage wie diese« dabei für erhöhtes Mitsing-Aufkommen sorgen wird, scheint sicher. »Wo alles laut ist, wo alle drauf sind, um durchzudrehen, wo die anderen warten, um mit uns zu starten, um abzugehen.«

Wie gut die fünf ihre Songs draufhaben, davon vermittelt das Videotagebuch der Magic-Mysterie-Tour auf der Band-Website einen Eindruck. Auch davon, wie sehr solche Gigs an die körperliche Substanz der Musiker gehen. »Ich spiele zum Glück Eishockey«, sagt Breitkopf lachend. Campino und Andi feiern heuer im Sommer ihren 50. Geburtstag, 2- bis 3-Stunden-Sets bedeuten auch eine große physische Herausforderung. »Wenn tausende Gesichter erwartungsvoll auf dich gerichtet sind, da musst du erst mal dagegenhalten«, erzählt er von der Spannung bei den großen Konzerten – und räumt ein, dass es dabei nicht wirklich etwas ausmacht, wenn einer von ihnen einmal einen schlechten Tag hat, aus welchen Gründen auch immer. »Das ist schließlich keine Opernaufführung.«

»Ballast der Republik« und »Die Geister, die wir riefen« von Die Toten Hosen sind bereits erschienen. Die Band ist Headliner von Festivals wie Rock im Park, Rock am Ring und Nova Rock (8. Juni 2012) – Rainer Krispel

  
Parasolia Kreismelke
Wolph macht Schluß

Einer der versiertesten Musiker der Heimat hört auf. Nicht einfach so, sondern klar begründet, wie es einem Wolph würdig ist. So verständlich die Motive sind, so heftig klafft die kommende Lücke. Am 2. Mai wird der Singer / Songwriter noch einmal auf einer Bühne stehen und sich beseelt den Noten und Tönen widmen.

Hier der zugehörige, offene Brief, der über seinen Songblog raus ging:

17 Jahre sind genug.

Frühjahr 1995: Im zarten Alter von 16 Jahren spiele ich erstmals in einem Tonstudio einen Ton auf einer Gitarre. In Linz, der Stadt meiner Geburt.

Frühjahr 2012: Ziemlich genau 17 Jahre später sage ich endgültig “Bye, bye Miss American Lie!” zum Musik-Business oder eben dem, was in den letzten Jahren davon übrig blieb. In Wien, meiner Heimat seit gut zwölf Jahren.

Dazwischen liegen unzählige Erlebnisse, Hoffnungen, Erfolge, Freude, Spaß, Jubel, echte Freunde, aber auch umso mehr Kampf und Krampf, herbe Enttäuschungen, Verlogenheiten, Ego-Schwachsinn, falsche Hoffnungen, unerfüllte Träume, Neid, Missgunst und zerbrochene Freundschaften.

Meine ganzen Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke sind obsolet und an dieser Stelle unangebracht. Meine Liebe zur Musik wird sich niemals ändern – ich hab durch sie unzählige wunderschöne, ja magische Momente erlebt und sie hat mir auf gewisse Weise, um meinen spirituellen Lehrer Alexander kurz zu zitieren, mein “Leben gerettet”. Ich habe durch die Musik für mich als Mensch einen Zugang zu meinen innersten Regionen bekommen und gelernt meine wahrsten und pursten Emotionen zu erleben und zu kommunizieren.

Leider fühlte ich mich zu lange als Wunderkind, spielte mit sechs Jahren Beethoven, begann mit 14 Songs zu schreiben und glaubte tatsächlich bis in meine Mittzwanziger, dass ich tatsächlich ein großes Talent bin. Nun gut, Blitzerfolge wie MTV Airplay im Schüler-Alter von 17 Jahren mit meiner Teenage-Grunge-Punk-Band “Mindcure” unterstützen natürlich (leider) diesen Irrglauben. Eine professionelle Karriere als Musiker war (nach meinem Traum vom Tennisprofi bis 17) mein größter Lebenstraum. Ich wollte mit so vielen Menschen wie möglich mein Erlebnis Musik teilen. All die Facetten von Musik, ob laut, leise, leicht- bis tiefsinnig, opulent bis intim. Ich schätzte schon immer eklektische, vielseitige Künstler mehr als kreative Monokulturen und Trend-Hanseln. Wer weiß, womöglich bin ich genau an meinem Grenzen-überschreitenden Denken schlussendlich gescheitert. Gerade in meiner Heimat wird man schnell zum Spinner, also “Verrückten” abgestempelt, wenn man sich eine internationale Karriere zutraut und immer wieder den Mut hat, mit Konventionen zu brechen.

Nun, abseits von meinem familiären Suizid-Erbe, würde ich mich nicht als “Irrer” bezeichnen. Ich denke über mich nicht wie ein typischer Österreicher über sich denkt – hierzu ein kleines Beipiel: Einer meiner Lebensträume war es, einmal einen Grammy zu bekommen. Wenn ich diesen Traum in Wien äußerte wurde ich (meistens jedenfalls) belächelt und wie bereits beschrieben als Irrer abgestempelt. Wenn ich in meiner Zweitheimat Kalifornien diesen Satz von mir gab – auch gegenüber von Produzenten und Musikern, die Grammies gewonnen haben, dann hörte ich (meistens jedenfalls) Worte wie “Okay, cool, you can make it! Go for it!”. Zwei Welten, klar, aber es geht eben oftmals nicht darum, so ein Ziel tatsächlich zu erreichen, aber groß zu denken und an sich oder ein gemeinsames Ziel zu glauben war mir schon immer näher als ewiger Zweifel und die permanente Reduktion auf die Worte “Als Österreicher……”. “Die Welt endet nicht bei den Alpen” wurde ich einst in einem Interview zitiert. Und ja, genau so sehe ich dies nach wie vor.

Das permanente Downgrading des eigenen Seins und der eigenen Fähigkeiten ist hierzulande (außer im Skisport, der mich genau null interessiert…) beinahe schon als “natürlich” zu bezeichnen. Dass ich nun nach einem halben Leben das Handtuch werfe zeigt wohl, dass ich den Kampf für mehr geistige Freiheit und Beweglichkeit verloren habe. Ich sag nur die ewige aberwitzige Frage: “Machst du FM4 oder Ö3 Musik?” Wahrlich zum kotzen.

Natürlich gab es – gerade nach meinem wiederkehrenden, fetten Airplay auf US Radiostationen und dem feinen, motivierenden Zuspruch im Land der “unbegrenzten Möglichkeiten” – immer wieder Überlegungen, meinen Hauptwohnsitz zu verlegen. Da ich aber parallel zum Dasein als Musikant auch eine wunderbare Familie gründete und ich die Lebensqualität in den USA kenne (wenn man nicht hyperreich ist), machte ich diesen Schritt nie.

Bevor dies nun vom Kern meiner Entscheidung abgleitet: Ich habe in den letzten Wochen immer stärker erkannt, dass ich unterm Strich an mir selbst gescheitert bin – an mir, meinen Träumen und Wünschen und meinem fehlenden Talent. Es war vor ein paar Jahren schon hart genug erkennen zu müssen, dass das Wunderkind eine fälschliche Prägung war. Ich hoffte und machte aber dennoch weiter, weil ich das Gefühl hatte, hinter dem Wunderkind versteckt sich tatsächlich ein großes Talent. I h fühlte mich am richtigen Weg und meine Musik wurde auch immer “besser” – im Sinne von echter und typischer für mich, ja authentischer.

Nun habe ich erkannt, dass auch dies nicht wahr ist. Ich verstehe was ein ehemaliger Unterstützer meiner Musik meinte, als er mich vor geraumer Zeit als “off-market”-Künstler bezeichnete. Ich kannte den “Fachbegriff” bis dahin gar nicht. Er steht für wahrscheinlich 85% aller Musikschaffenden weltweit. Sie machen in erster Linie Musik für Freunde und Verwandte und glauben dabei noch, gut zu sein und Potential zu haben. Als ich damals dies hörte brach ein weiterer Brocken meines begeisterungsfähigen Herzens ab. Dies klingt vielen jetzt wahrscheinlich wieder zu pathetisch, aber genau so fühlte es sich an.

Ich weiß, wieviel ich mit FREUDE bewegen kann, doch diese Freude ist mir abhanden gekommen. Ich habe meine Freude im Stich gelassen. Ja, ich hab sie mir nehmen lassen. Ich habe mich ins falsche Boot gesetzt und meinen Glauben an mich und meine Musik verloren. Für einst starke Supporter und Liebhaber meiner Musik bin ich zeitlebens schon gestorben – wieso und weshalb – keine Ahnung.

Es freut mich unterm Strich, dass ich in den letzten 17 Jahren über 150 Songs geschrieben habe und ich bin auf jedes meiner Werke stolz. Ich werde die Freude die ich jedesmal, wenn ein “Baby” (so nenne ich gerne meine Songs…) vollendet war und entweder als CD bei mir im Studio ankam oder ich ein fertiges Master bei mir im Studio hörte niemals vergessen. Ich werde mit Sicherheit auch weiterhin immer wieder einmal Lieder schreiben. Aber eben offiziell nur mehr für Freunde und Familie…;-)

Ich möchte mich aufrichtig bei vielen Menschen für ihre Unterstützung und ihren Zuspruch bedanken. Zu viele, um nun alle hier zu erwähnen. Auch in den letzten Tagen gab es schon einige Menschen, die mir mit Wort und Tat zeigten, wie sehr sie mich als Künstler schätzten und meine Musik mochten. Dafür empfinde ich sehr viel Dankbarkeit in mir.

Im Sinne des Respektes zu meiner eigenen Musik möchte ich bis Ende 2012 eine Song-Sammlung, also AXEL WOLPH’s SONGBOOK realisieren. Natürlich wiederum nur in einer kleinen limitierten Auflage für Freunde und Familie. Auf dieses finale Produkt freue ich mich schon sehr. Diese Sammlung (wird höchstwahrscheinlich ein Buch sein mit allen Songs als WAV-files zum Download) wird auch die erst Anfang dieses Jahres in den USA geschriebenen und mit Danny Kalb (Ben Harper, Beck, etc.) produzierten Songs beinhalten. Und auch viele viele bisher unveröffentlichte Songs.

Viele fragten mich nachdem sie von meiner Entscheidung gehört hatten, “Hey, aber wieso, es ist doch super gelaufen, oder?” Und ja, dies stimmt auch – inhaltlich war ich mit den Erfolgen der letzten zwei bis drei Jahre auch sehr zufrieden. Aber egal ob man heutzutage die Sender-ID Musik macht für einen großen TV-Sender oder Songs im hiesigen “Hitradio” oder im US Radio zum Rotieren bekommt – Musik ist nichts mehr wert – die Zeiten haben sich drastisch geändert. Als bald dreifacher Vater ist mir der Kampf um Anerkennung und Ruhm nicht mehr wichtig – der Kampf mit Musik Geld zu verdienen erinnert mich filmographisch betrachtet eher an “Fight Club” als an “Rocky 5″.
Für den Kampf um Respekt für das eigene Schaffen sowie eine gerechte Entlohnung fehlt mir mittlerweile die Kraft. Vor noch wenigen Jahren haben sich Musiker mit ähnlichen Erfolgen wie ich ein feines Leben verdienen können. Wenn man heutzutage dann den Mut besitzt Erfahrungen und Tatsachen aufzuzeigen, dann mutiert man zum Querulanten. All dies hat nichts mehr mit Musik machen zu tun. Und irgendwann ist der Ofen einfach aus und Gleichgültigkeit übernimmt die gerade noch vorhandene Wut. Die Sehnsucht nach Luft und Freude bereitenden Dingen hält Einkehr und man beginnt sein Leben neu zu ordnen und sich selbst neu zu orientieren.

“Life is made of pure surrender, a daily story and a feast.”

Grüße Liebe,
Axel

  
Parasolia Kreismelke
Element of Diskussion

Auch mal wieder in der letzten Zeit darüber geärgert, wenn das begehrte Video auf YouTube nicht erreichbar war? Noch dazu mit der wenig Verständnis erzeugenden Begründung, dass man als Fan einfach am falschen Punkt im falschen Land sitzt. Ohne Frage ist die erste Antwort für jene User, die YouTube als Radio-Ersatz benutzen, dass man dem Künstler mit einem Kauf der Musik Besseres angedeihen lässt. Aber es soll ja auch Leute geben, die einfach auch nur die laufenden Bilder des Stars sehen wollen. Darf er nicht, denn große Macher der Szene streiten sich seit Ewigkeiten und schaffen keine Einigung. Es handelt sich dabei um Google als Besitzer von YouTube und der GEMA. Was soviel bedeutet wie Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte in Deutschland. Die Verhandlungen zwischen den Partnern ergeben von außen mehr das Bild der gegenseitigen Schuldzuweisung als lösungsorientierter Arbeit. In der Öffentlichkeit hat sich zur Lage damit wie gewohnt schon länger das Achselzucken eingeschlichen.

Unerwarteten lebt die Diskussion in den breiten Möglichkeiten des Social Webs wieder auf, nachdem sich ein arrivierter Künstler zu Wort gemeldet hat. Der gewohnt geistreiche Sven Regener, seines Zeichens Mastermind der Kritikerlieblinge von Element Of Crime und erfolgreicher Autor wurde im Rahmen von einem Interview mit dem Radiosender Zündfunk nebenbei zu einem kurzen Statement zum Thema Urheberrecht gebeten. Der smarte Denker gab wider Erwarten nicht den kurzen einfachen Satz von sich, sondern legte einen satten Monolog von fünf Minuten mit klaren Ansagen hin. Grundtenor war simpel, dass sich Google bislang weigert, sauber Tantiemen an die Künstler zu zahlen: „Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist kein Geschäftsmodell, das ist Scheiße.” Deswegen kann man die Videos von Element Of Crime auch nur über die eigene Homepage sehen und nicht auf der verachteten Plattform YouTube. In Bezug auf die mittlerweile weithin als normal angesehene Gratis-„Kultur“ und das Brandmarken der Künstler, die Tantiemen sehen wollen als uncool, sei es „im Grunde nicht anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt”. Plattenverträge sieht Regener noch immer als notwendig an, da Künstler so Musik produzieren können. Und er nach dem Verfall der kleinen Indie-Labels auch keine relevanten Alternativen sieht, denn auf Dauer werden nur „Volksmusik, deutscher Schlager und Rockmusik für die Älteren” übrigbleiben.

Wie in unzähligen Meldungen nachzulesen, hat sich nach diesem Kommentar ein aufgeregte Diskussion mit Pro und Contra entwickelt. Von einem fidelen Dissen des Künstlers bis zu herzlichen Danksagungen für die ausgesprochene Wahrheit findet sich jede Facette der Aufregung. Im Endeffekt bleibt die Meinung des Einzelnen. Und die Hauptsache bleibt wohl, dass darüber gesprochen wird und sich etwas bewegt. Immerhin will man sich wieder ohne schlechtes Gefühl Videos von geliebten Künstlern ansehen können. Nicht?

  
Parasolia Kreismelke
Madonna verschenkt “M.D.N.A.”

Extra wegen Prince wurde vor ein paar Jahren die Regelung für die amerikanischen Charts verändert. Das gewitzte Genie hatte die üblichen Verkaufsketten durchbrochen und mit jedem Ticket seiner bestens besuchten Tournee ein Album von „Musicology“ verkauft, da jeder Besucher eine CD bekam. Schnell machte sich Unruhe breit und man änderte die Statuten, um die klassischen Händler zu beruhigen.

2012. Madonna feiert ihr rauschendes Comeback mit allen Möglichkeiten ihres weitreichenden Marketing-Netzwerkes. In Zeiten, wo alleine mit einem Album nur mehr wenig zu verdienen ist – Bryan Ferry sieht es zum Beispiel nur mehr als eine vorauseilende Ansichtskarte für die Tour – eröffnen sich auch neue Konzepte der Nutzung. Kein Zufall, dass gerade hier Madonna vorne mitmischt. Auch für ihre „World Tour 2012“ sind die Kartenpreise wieder ziemlich hoch geraten, besonders in den USA. Zwischen 105 bis 270 Euro muss man da schon bereit halten, um einen der aufwändigen Auftritte sehen zu können. Nach Protesten, nicht mitten in der Wirtschaftskrise derart hohe Kosten den Fans aufzuhalsen, kam der geschickte Schachzug der Queen of Pop. Die Pop-Ikone legt nun als Geschenk zu jedem verkauften Ticket eine CD ihres Albums “M.D.N.A.” drauf, das weltweit am 26. März erscheinen wird. Für die Charts dürfte ihr das allerdings nicht helfen, es sei denn, sie hat ein neues Schlupfloch gefunden. Kurz vor ihrem Rückzieher gab es noch ganz andere Töne von Madonna in dem US-Magazin “Newsweek” zu lesen: “Fangt halt schon mal an, zu sparen. Die Leute geben dauernd 300 Dollar für verrückte Dinge wie Handtaschen aus. Also arbeitet das ganze Jahr, kratzt euer Geld zusammen und kommt zu meiner Show. Ich bin es wert.” Ob dem so ist, kann man in Wien am 29. Juli im Wiener Ernst Happel Stadion überprüfen.

  
waltergroebchen
Sündenfall Sido?

Sieh’ einer an: der ORF hievt Populärkultur, Musik, Jugend ins Programm. Spätnächtens. Aber immerhin. Doch war Sidos „Blockstars“ nicht bloß ein zwiespältiges, zynisches – oder, schlimmer, „gut gemeintes“ – Laientheaterspektakel? Eine Nachbetrachtung von Walter Gröbchen.

Diese Kolumne wird einigen nicht schmecken. Denen, die zu gern ein bisserl Reibach gemacht hätten. Mit einer vorgeblich guten Sache. Denen, die legér die Karriere vorantreiben wollten. Mit einem denkwürdigen, unkonventionellen Überraschungserfolg. Und zuvorderst demjenigen, der meinte, die Quadratur des Kreises schaffen zu können: strikten, annähernd aggressiven Kommerz gepaart mit Würde, Anstand, guter Musik und pädagogischem Mehrwert. Dieser Mann heißt Sido.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Paul Hartmut Würdig. Alias Sido. Wirklich kennen (nein, auch das wäre übertrieben) tu’ ich nur die Kunstfigur. Den ehemaligen Maskenmann. Den selbstbewussten HipHopper. Den Star namens Sido. Und, ja, er hat einen gewissen Schmäh. Einen pointierten Witz (wenn auch nicht ohne Ausrutscher). Und eine, hm, erstaunlich vertrauenerweckende, kompetente Gelassenheit. Man könnte meinen, die weniger vertrauenerweckenden, klar kompetenzärmeren, um nicht zu sagen: insgesamt fragwürdigeren Typen in der ORF-Show „Blockstars“ hätten tatsächlich einen Mentor, einen Anwalt, eine Vaterfigur gefunden. Einen, der sie nicht nur verbal „rausholt aus der Scheisse“, sondern ihnen wirklich eine Perspektive gibt. Sido „macht Band“, bekanntlich (und sagen Sie bloß nicht, Sie hätten keine einzige Folge gesehen!). Nein, nicht nur „Band“, sondern Stars. „Blockstars“. Die stehen nun – surprise, surprise! – bei Universal unter Vertrag. Wenn diese Zeilen erscheinen, ist die TV-Kiste Geschichte. Und die Charts werden zeigen, ob das Publikum über das Fernsehflimmern hinaus Bock hat auf Zirkusdirektor Sido & seine Underdog-Truppe.

Ich wage eine Prognose: der Erfolg wird überschaubar sein. Die ORF-Medienforschung wies schon zum Ende der Serie hin eher unterdurchschnittliche Zahlen für „Blockstars“ aus. Und die Kritik konnte sich nie wirklich anfreunden mit dem Scripted Reality-Konzept. Es gab sogar Feinspitze, die meinten, damit wäre einmal mehr das Terrain trittsicherer öffentlich-rechtlicher Unterhaltung verlassen worden – aber diese Debatte ist längst abgelöst durch den nächsten lauwarmen Skandal und allerlei Provokations-Häppchen mehr aus dem Denkerstübchen am Küniglberg (aktuell fordert z.B. Niki Lauda eine ORF-Totalreform, weil Porno-Queen Dolly Buster bei den „Dancing Stars“ antanzt. Hat auch einen gewissen Unterhaltungswert.)

Wenn aber – die Entwicklungsabteilung des Senders wird das wütend dementieren – „Blockstars“ hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich der Quote wegen inszeniert wurde, dann ist es schon ein ordentlicher Flop, den man da hingelegt hat. Da gibt es nichts daran zu deuteln. Oder zu beschönigen. Ganz abgesehen von der brisanten sozialen Verantwortung, die sich Sido, Universal und der Österreichische Rundfunk aufgehalst haben – wie lange wird es dauern, bis die „Blockstars“ und ihre Protagonisten ihre 15 Minuten Ruhm ausgekostet haben und in der – Achtung, Doppeldeutigkeit! – Depression verschwunden sind? –, hat man unfreiwillig offengelegt, dass „gut gemeint“ ungebrochen das Gegenteil von „gut“ meint. Und Geld genug da ist für aufwändige Reality-Inszenierungen mit „authentischer“ Tonspur – eine Tatsache, die man sonst gerne nachdrücklich leugnet –, man aber nicht im Traum daran denkt, dieses in die Erkundung und Dramatisierung der High Potentials der hiesigen HipHop-, Pop- und Kultur-Landschaft zu stecken.
Ich bin ja neugierig darauf, schrieb ich vor einigen Wochen (noch vor Start der Sendung) im „Falter“, wie Sido, um so etwas wie Restglaubwürdigkeit beim kritischeren Teil seines Publikums und in der Szene zu behalten, erfolgreiche österreichische Acts wie Texta (samt „Kabinenparty“-Heroe Skero), Nazar, MaDoppelT oder Sua Kaan in das Blockmalzmännchen-Universum einbaut. Was er unter „Hip Pop“ – ein Genre-Widerspruch in sich – versteht. Wie YouTube-Lokalkaiser Moneyboy auf die ORF-Konkurrenz reagiert. Oder was die Spassguerilla namens Die Vamummtn dazu sagt (oder, entschiedener, rappt). Sie wurden eh konsequent links liegen gelassen.

All den genannten Acts hätte man in einem Sender auf der Höhe der Zeit längst Sendezeit galore eingeräumt. Im ORF ist’s ein ewiger Konjunktiv. Offensichtlich hat man sich vom Gedanken, dass das Medium Fernsehen mit Musik unspekulativ, aber aufmerksam, liebevoll und entdeckungsfreudig umgehen könnte (etwa durch schlichte journalistische Berichterstattung), schon weitgehend verabschiedet. Fernsehmacher interessiert sich für Quoten, Budgets und den Menüplan in der ORF-Kantine. Und nicht für Musik. Für Musiker. Für „den Nachwuchs“, den „kreativen Untergrund“ oder gar die tatsächlich boomende lokale Szene. Allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Das junge Publikum hat sich mittlerweile eh weitgehend in die wilden Weiten des Web verabschiedet. „Blockstars“ wird daran, auch das eine Prognose, nichts ändern. Sondern nur die fatalistische, faule, falsche Meinung der Programmverantwortlichen einbetonieren, mit HipHop oder gar Pop im weitesten Sinn wäre partout kein Hund hinterm Ofen hervorzuholen.
Ultimativer Zynismus steckt aber in der Vorspiegelung einer möglichen Selbstbefreiung aus der individuellen Misere mit dem Hebel eines funktionierenden Musikmarkts. Das ist ein schlechter Witz. Für Sido mag der Markt (allerdings zu 90 Prozent der deutsche Markt) ja noch einiges hergeben. Letztlich lebt er aber inzwischen besser von TV-Konzepten (aktuell zu 90 Prozent von in Österreich realisierten). Ein cleverer Geschäftsmann, der Kerl. Für die seiner Obhut anvertrauten Schicksale, die ein Pop-Amalgam weitgehend ungeachtet wirklichen Talents mit HipHop-Flavour und „Street Credibility“ aufladen dürfen, werden schon mittelfristig nur Brösel und Brotkrumen bleiben.

Das Absurde ist: an der Nicht-Existenz eines einschlägigen lokalen Marktes ist größtenteils der ORF schuld. Ö3 hat in den Neunzigern und Nuller-Jahren HipHop komplett verschlafen, insbesondere deutschsprachigen (und ich weiß, wovon ich schreibe). Und das Fernsehen war und ist eine Katastrophenzone, was aktuelle Populärkultur betrifft. Würde nur ein Bruchteil der Aufmerksamkeit und des Geldes, das Formate wie „Blockstars“, „Helden von morgen“ oder „Starmania“ kosten, in die hiesige Szene gesteckt, gäbe es lokale Stars und Business-Strukturen (von denen wieder der ORF profitieren könnte).

So aber bleibt Texta & Co. ewig nur das Minderheiten-Reservat FM4, während Ö3 Sido und seiner Truppe eine „Perspektive“ bietet, indem man ihnen á priori einen Platz in der Eurovisions-Songcontest-Vorauswahl reserviert. Das ist lächerlich, das ist traurig, das ist vollkommen falsch gedacht.

  
Parasolia Kreismelke
Disko-King Guetta

Traditionell kommen zum Ende eines Jahres ein Unzahl an Auswertungen und Ranglisten der gerade verblichenen zwölf Monate zur Veröffentlichung. Und manchmal sauert es noch länger. Wohlwollend darf man vermuten, dass über ein Jahr nach dem Ende der zwölf Monate von 2010 besonders penibel geprüft wurde, wer wo wie oft gespielt wurde. In Deutschland ist dafür die GEMA verantwortlich, im Klartext die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte. Das Pendant zur Österreichischen AKM kümmert sich damit auch darum, dass Komponisten, Textdichter und Verleger zu ihren Tantiemen kommen. Nun hat man die Abrechnung für 2010 veröffentlicht, die auswerten wer in den Sparten Diskothek, Phono VR, Music on Demand, E-Musik, U-Musik und Rundfunk am meisten zu Gehör gebracht wurde.

guetta

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Bestätigend klar kam bei den Diskotheken die Dominanz von David Guetta heraus. Der französische DJ und Produzent – wobei er selbst keinen Unterschied darin sieht – schaffte es mit nicht weniger als drei seiner Hits in die Top Ten der Jahreswertung.

Hier die Siegerliste:

1. “Memories” – David Guetta

2. “Come 2 Me” – Sean Puffy „Puff Daddy“ Combs & Nicole Scherzinger

3. “Put Your Hands Up For Detroit” – Fedde J. Le Grand

4. “I Gotta Feeling” – David Guetta & Black Eyed Peas

5. “Sexy Bitch” – David Guetta & Akon

6. “Alors On Danse” – Stromae

7. “Tu Vuo’ Fa L’Americano” – Yolanda Be Cool & DCUP

8. “Disco Pogo” – Die Atzen, Frauenarzt & Manny Marc

9. “Run It” – Chris Brown

10. “Tik Tok” – Kesha

guetta

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Parasolia Kreismelke
Zahlen zu “Popstars”

Das Finale von „Popstars – Mission Österreich“ brachte mit Florian Schindler, Patrick Freystätter und Chris Aguilar als Gruppe Kilmokit ihre bejubelten Sieger. Sofort wird mit der ersten Single „So hell wie die Sonne“ samt Album „Atemlos“ nachgelegt.

Die per Telefon-Voting geschlagene Mädchen-Formation BFF darf ebenso mit dem Lied „Outta my Head“ und Longplayer „Heartcore“ ihr Glück versuchen.
Mal abgesehen davon, dass man nicht unbedingt immer das Gefühl hatte, außergewöhnliche Talente zu sehen. Was wird nun aus den jungen Künstlern? Immerhin hat es seit den Zeiten der Girlie-Formation von C-Bra als österreichische Version der Spice Girls keine gecastete Formation länger im Geschäft geschafft.

Und wie fair werden die Stars über Nacht später von der Unterhaltungs-Industrie behandelt? Und auf Industrie liegt da noch immer die Betonung. Deswegen auch der Duktus Pop-Geschäft. Was einem besonders klar wird, wenn man die Konditionen für die möglichen Stars kennt. Immerhin sickerten Details eines solchen Vertrages für „Popstars“ durch. Und da eröffnet sich wenig erfreuliche Realität für die Kandidaten. Denn das TV-Format, das schon durchaus erfolgreiche Acts wie No Angels, BroSis oder Monrose hervorbrachte, hält seine Sieger an der ganz kurzen Leine. Unter der Flagge “Popstars- Mission Österreich” gab es im großen Finale ein Labelvertrag im Wert von 100.000 Euro. Klingt nun mal wirklich fein und verlockend nach Reichtum, Wohnung, Auto und Partys. Doch die Wahrheit des Vertrages sagt es ein wenig anders und natürlich als rechtliches Dokument deutlicher. Ansich gibt es kein Geld für die Teilnahme an der Show, man tritt alle TV-Rechte automatisch ab. Nur an etwaigen Live-Auftritten und dem Merchandising lässt sich etwas verdienen. Da eine Band gesucht wird, wird natürlich auch die Auszahlung aufgeteilt. So auch die eigentliche Siegerprämie, die mit 50.000 Euro die Hälfte des Wertes des angepriesenen Gewinnes ist und als Karriere-Startgeld bezeichnet wurde. Wird ja auch nur im Wert von 100.000 Euro gesagt. Gewinnen also drei Kandidaten, bekommt jeder nur mehr 16.666,66 Euro von denen diverse Fixkosten bezahlt sein wollen. Dafür ist man bis mindestens 31. März 2012 komplett exklusiv und rechtelos an die Produzenten gebunden und verdient nur gemeinschaftliche sieben Prozent am Reinerlös der Plattenverkäufe. Das ist schon ein wenig wenig, wenn man sich das mal überlegt. Bleibt nur die Hoffnung auf eine Top-Karriere.

  
Klaus Totzler
Blue Bird-Rückblick

Das war das Blue Bird Festival 2011!

Es waren drei Tage voll wunderbarer Musik, fantastischer neuer Entdeckungen und großer Momente. Das 7. Blue Bird Festival hat alle unsere Erwartungen übertroffen; erschöpft, aber glücklich lassen wir den blauen Vogel weiterziehen.

Rund 1400 Menschen haben sich im Porgy & Bess über die drei Tage des Blue Bird Festivals eingefunden. Viele waren speziell wegen Flotation Toy Warning gekommen, deren Blue Bird-Debüt im Jahr 2005 allen damals Anwesenden als Sternstunde in Erinnerung geblieben ist; wohl haben auch Erland & the Carnival einige Besucher angezogen, ebenso wie Tunng oder Mika Vember, die auf Heimvorteil bei ihren zahlreichen Fans bauen konnte. Aber mehr noch waren gekommen, weil eben das Blue Bird stattfindet – und am Blue Bird haben schon viele ihre neue Lieblingsband gefunden.

Heuer hat sich etwa ein Gutteil des Publikums in die vier Isländerinnen von Pascal Pinon verliebt, die am Eröffnungstag, dem Donnerstag, mit lieblichen Gesangsharmonien und verschrobenen Texten eine entrückt-verzauberte Stimmung aufkommen ließen; und wer am Samstag die raue, intensive Stimme des Israeli Asaf Avidan krächzen, flehen, flüstern und schreien hörte, dem blieb der Mund offen und das Herz fast stehen vor Ergriffenheit. Der Kanadier Rae Spoon begeisterte mit seinem tanzbaren Elektrofolk und einer auf einem Workshop entstandenen Nummer namens „Bruce“ – und ein anderer Bruce, Springsteen nämlich, wurde von den diesmal als südafrikanisch-deutsch-österreichisches Quartett auftretenden Dear Reader gecovert.

A propos Cover: „Ich spiele euch jetzt ein altes englisches Volkslied“ kündigte Chris Eckman von L/O/N/G an (deren Live-Premiere am Blue Bird stattfand), um daraufhin eine langsame, eindringliche Version von „Anarchy in the UK“ anzustimmen. Das Publikum – zumindest ansatzweise – zum Tanzen gebracht hat dann die allerletzte Band des Blue Bird Festivals 2011: Tunng aus England traten mit gleich zwei Schlagzeugen (und einer Weihnachtsmannmütze) auf, bei „Bullets“ war der Saal dann endgültig am Kochen.

Soweit nur einige Highlights des heurigen Blue Bird Festivals. Weitere waren Carla Bozulich´s Evangelista, Budam, Rykarda Parasol, Wendy McNeill, Norman Palm und Woodpigeon! Wir freuen uns über ein erfolgreiches und äußerst erfreuliches Festival!

Das Team der Vienna Songwriting Association bedankt sich beim wunderbaren Publikum, das bei rund 5 Stunden Livemusik pro Abend stets aufmerksam und bereit war, sich auf noch unbekannte MusikerInnen genauso einzulassen wie auf die bekannteren Acts; bei den KünstlerInnen, die fantastische Sets gespielt und das Blue Bird Festival mit ihrer Präsenz zu etwas besonderem gemacht haben; bei der wunderbaren Location, dem Porgy & Bess; und bei den musikaffinen Partnern und Sponsoren, die das Festival mitermöglicht haben.

  
Klaus Totzler
Blue Bird Festival 2011

Von Donnerstag 24. bis Samstag 26. November 2011 treffen beim Blue Bird Festival Poesie und Musik aufeinander. Im Porgy & Bess werden 15 Acts auftreten; sie alle vereint ihre Fähigkeit, außergewöhnliche Songs zu schreiben und damit zu begeistern. Von Indie-Folk über Lo-Fi bis hin zu Rock Noir ist stilistisch alles vertreten.

Pascal Pinons isländische Teenager-Geschichten treffen auf die Femme Fatale des Rock Noir, Rykarda Parasol, und Dear Readers Art-House-Pop trifft auf die Janis-Joplin-Stimme des israelischen Folk-Rockers Asaf Avidan. Der avantgardistische Alternative-Blues-Rock Carla Bozulich’s Evangelista wird das Publikum genauso in den Bann ziehen wie Mika Vembers Facettenreichtum. Wendy McNeills widersprüchliche Akkordeon-Pop-Punk-Arrangements reichen dem charmanten Indie-Folk-Pop des kanadischen Transgender Singer-Songwriters Rae Spoon die Hand.

Die mit Szene-Stars besetzte Band Erland & The Carnival und das amerikanisch-österreichische Duo L/O/N/G werden am Blue Bird für Begeisterung sorgen. Der talentierte Chronist zwischenmenschlicher Spannungen, Norman Palm, hat seit kurzem hierzulande ohnedies Kult-Status. Der von den Färöer-Inseln stammende Musiker Budam könnte mit seiner Musik, die an Tom Waits und Nick Cave erinnert, zur Überraschung des Festivals werden. Woodpigeon verzaubern mit romantisch-poetischen Songs mit starken Texten. Zum zweiten Mal wird uns die Space-Folk-Pop-Formation Flotation Toy Warning beehren; und über die britischen Folktronik-Stars Tunng schreibt die britische Musikpresse „Ebenso exzentrisch wie charmant” und “hier treffen traditionelle Melodien auf zukunftsweisende Arrangements”. 


Bevor der blaue Vogel sich im Porgy & Bess sein Nestchen baut, setzt er noch zur Zwischenlandung im Haus der Musik an: am 23. November stimmen wir uns dort mit Ezra Furman und Annakin aufs Blue Bird Festival ein! Für 3-Tages-Pass-InhaberInnen ist der Eintritt frei!

Infos zu den einzelnen Artists:

Donnerstag, 24.11.11
L/O/N/G: Alternative Folkstar trifft auf genialen Elektronikbastler, dessen Herz eigentlich für den Blues schlägt. Schneelandschaft mit Palmen. Vanillepudding mit Bockwurst. Ungefähr genauso gegensätzlich mutet es zunächst an, wenn Walkabouts-Frontmann Chris Eckman mit Tosca-Tüftler Rupert Huber eine Platte macht. Doch bereits die ersten Takte ihres ungewöhnlichen Projektes L/O/N/G verraten, dass sich vermeintliche Gegensätze hier in eine organische Symbiose verwandeln, und vieles, was sich auf dem Papier auszuschließen scheint, in Wirklichkeit doch geistesverwandten Intentionen entspringt.

Die britische Combo Erland & The Carnival setzt sich stilistisch kaum Grenzen. Ihr musikalisches Schaffen liegt zwischen Folk, Zirkus- und Gauklerklängen, Garagenrock und Sixties-Psychedelic-Anleihen. Initiator dieses Projekts ist der Sänger und Gitarrist Erland Cooper, der ursprünglich nur alten Folksongs ein zeitgemäßes Indie-Rock-Gewand verpassen wollte. Seine musikalischen Wegbegleiter findet er in dem Multiinstrumentalisten Simon Tong (The Verve; The Good, The Bad And The Queen) und dem Schlagzeuger David Nock (The Fireman, The Orb, The Cult). Man einigt sich auf den Bandnamen Erland & The Carnival, dessen Zusatz dem Track My Name Is Carnival des in den 60er-Jahren aktiven Folk-Musikers Jackson C Frank entnommen ist.

Pascal Pinon heißt das Projekt der isländischen Zwillingsschwestern Jófríður und Ásthildur. Gemeinsam mit zwei Freundinnen beschlossen sie im Alter von 14 Jahren, ihr Zimmer mit ihrer zauberhaften Musik zu beleben. Auch für ihre erste Live-Show „The friendly concert“ musste das Zimmer der Zwillinge herhalten. Kurze Zeit später spielten sie zahlreiche Gigs in Reykjavík und spielten ihr Debütalbum ein. Sie borgten sich ein Haus in dem kleinen Ort Vogar und begannen, mit nur einem Mikrofon aufzunehmen. Was dabei entstand, sind wunderbare Teenager-Geschichten – ein Potpourri aus akustischem Neo-Folk und Low-fi-Pop. Auf ihrer ersten Tournee machen sie auch am Blue Bird halt.

Budam: „In jeder guten Lüge findet sich die Wahrheit“, so der angeblich 345 Jahre alte Lehrer Budams, der seinen Schüler auf die Suche nach den unentdeckten Geschichten in den Köpfen und Herzen der Menschen schickte. Nun entführt der Songwriter, Schauspieler und Theaterkomponist von den Färöer Inseln das Publikum mit tiefer, verführerischer Stimme in dunkle, melancholische, bisweilen animalisch-wilde Welten, die denen eines Tom Waits und eines Ennio Morricone benachbart zu sein scheinen.

Die Multi-Instrumentalistin Mika Vember war zwischen 2006 und 2008 als Sängerin und Percussionistin auch Teil der Band um Clara Luzia. Mit inspirierenden Folkpop-Klängen und einer Stimme, die einen nicht so schnell wieder loslässt, bewegt sie das Publikum. Ihr facettenreiches neues Album “Our Lady of the Loops” – mit dem sie es als eine der wenigen auf die Playlists von fm4, Ö3 und Radio Wien (!) geschafft hat – zeigt sie von einer experimentellen und verspielten Seite. Auf ein Hörerlebnis der besonderen Art darf man gespannt sein.

Freitag, 25.11.11

Carla Bozulich’s Evangelista: In New York geboren, lebt Carla Bozulich derzeit in Los Angeles. Seit sie 15 ist, spielte sie in diversen Punk- und Postpunkbands. Sie schrieb Soundtracks für Filme; beim diesjährigen Donaufestival hat sie einen Teil des Programms kuratiert. Derzeit tritt sie mit ihrem experimentellen Alternativ-Blues mit ihrem Bandprojekt Evangelista auf. Das jüngstes Album “In Animal Tongue” wurde im September auf dem renommierten Postrocklabel Constellation veröffentlicht. Eine der spannendsten Künstlerinnen der letzten Jahre.

Im 2009 erschienenen Debüt von Dear Reader aus Johannesburg drehte sich alles um die südafrikanische Herkunft und die zerrissene Gesellschaft dort. Idealistic Animals heißt das am 2. September erscheinende Album von Dear Reader, in dem sich immer wieder lyrische Abgründe auftun. Nichtsdestotrotz könnte man denken, man hört Popsongs. Das ist das besondere an Idealistic Animals – Arthouse-Pop auf höchstem Niveau.

For the Wolf, a Good Meal erschien im März und ist das 5. Album der in Schweden lebenden Kanadierin Wendy McNeill. McNeills schwer atmendes Akkordeon, sonor wummernder Bass, getupfte Kesselpauke, dezente, dissonant scheppernde Percussion und eine erzählende, dabei aber nie geschwätzige, Gitarre geben den Ton an und zaubern Atmosphären – hypnotischer und unheimlicher denn je. Wendy McNeill lässt sich nicht kategorisieren, ihre Arrangements sind intelligent widersprüchlich.

Rykarda Parasol nennt ihren dunklen und geheimnisvollen Musikstil „Rock Noir”. Diese Genre-Bezeichnung lässt auf die starke filmisch-visuelle Komponente ihrer Musik schließen. Die furchtlose femme fatale ruft mit ihrer Musik Bilder à la Lynch und Hitchcock hervor. Häufig wird die Musikerin mit Künstlern wie Patti Smith und The Velvet Underground verglichen.

Norman Palm: Zwischen den Küsten, mit einem Laptop und einer gehörigen Portion Sehnsucht, ist das zweite Album von Norman Palm entstanden. In „Shore to Shore“ verpackt er gefühlvolle Texte über die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen in warme Synthie-Melodien. Damit kennt Palm sich aus, führt der Berliner doch seit Jahren eine Fernbeziehung nach Mexiko-Stadt. Unbedingte Empfehlung!

Samstag, 26.11.11

Tunng: Als Projekt von Mike Lindsay und Sam Genders wurde Tunng 2004 gegründet und später um weitere Mitglieder erweitert. Die Band entwickelte ihren eigenen alternativen Musikstil aus Folk, Pop und Elektronik. Mit ihrem wohl größten Hit “Bullets“, der auch in der US-Serie “Weeds“ zu hören war, schafften sie 2007 endgültig den Durchbruch. 2010 veröffentlichten sie ihr viertes Album “And Then We Saw Land“. “The perfect soundtrack for a lazy post-millennial afternoon in the sunshine” schrieb der “Daily Telegraph” über diese herausragende Band.

Flotation Toy Warning: Bereits 2004 veröffentlichte das Space-Pop-Folk-Quintett Flotation Toy Warning mit „Bluffer‘s Guide to the Flight Deck“ eines der bemerkenswertesten Alben des neuen Jahrtausends, mit dem sie damals u.a. auch am Blue Bird Festival Furore machten. Ihre Lieder und Hymnen sind tiefgehend, zeichnen fabelhafte Bilder und führen uns durch zeitlose Sphären. Ende diesen Jahres erscheint mit „The Machine That Made Us“ endlich das langersehnte Nachfolgewerk – genau rechtzeitig, um wieder am Blue Bird vorgestellt zu werden.

Asaf Avidan machte mit seiner Band The Mojos erstmals mit dem Album The Reckoning auf sich aufmerksam. Dieses brachte ihnen sogar eine Nominierung als bester israelischer Act bei den MTV Europe Music Awards ein. Besonders markant ist die Stimme des israelischen Folk-Rock Künstlers Asaf Avidan. Bereits nach dem ersten Song fragt sich der aufmerksame Hörer, ob diese Stimme tatsächlich zu einem Mann gehört – oder haben wir es mit einer neuen Janis Joplin zu tun? In Wirklichkeit ist diese Frage aber total nebensächlich und schnell vergessen, da die bemerkenswerte Stimme und die mal lauten, mal hymnischen, mal leisen Folk-Rock Songs sofort mitreißen.

Die musikalischen Wurzeln des kanadischen transgender Singer-Songwriters Rae Spoon liegen im Country, mittlerweile bewegt er sich stilistisch zwischen Indie, Folktronica und Pop. In seinem aktuellen Album Love Is A Hunter macht er klar, dass er gleichzeitig Jäger und Gejagter ist. Er erkundet seine Identität, mit all ihren Widersprüchen und Sehnsüchten. Spoon spielt mit verschiedenen Genres und lässt lyrische Zeilen auf elektronisch angereicherte Beats treffen.

Woodpigeon ist eine kanadische Band aus Calgary. Das Kollektiv um Mastermind Mark Hamilton, der aus Schottland stammt, wurde schon mit Sufjan Stevens, Grizzly Bear, Belle & Sebastian und Simon & Garfunkel verglichen. Textlich beruft sich Hamilton auf Ray Davies und The Kinks. Starke Texte werden bei Woodpigeon in ein zartes Arrangement gehüllt und wissen zu verzaubern.

  
Parasolia Kreismelke
Quo Vadis Europa?

Europa scheint in der Gunst der Fans endgültig ins Hintertreffen zu geraten. Was man schon in den letzten Jahren beobachten konnte, hat sich bei den diesjährigen MTV Europe Music Awards eindrucksvoll manifestiert. Acht der wichtigsten Auszeichnungen gingen wieder einmal an Künstler aus Übersee. Wie schon gewohnt konnte Lady Gaga im Alleingang mit vier Awards alles in den Schatten stellen.

Nur die südkoreanische Boyband Big Bang als World Wide Act stammte nicht aus den USA, aber dafür auch nicht aus Europa. Immerhin hatten sich die Asiaten in einer Online-Abstimmung gegen Britney Spears und Deutschlands Mädchen-Wunder Lena durchgesetzt. Mit ihren 25 Jahren tanzt uns die aktuell unangefochtene Queen des Pop als Nachfolgerin von Madonna das Tempo und den Beat vor. Dank ihrer schrillen Outfits hatte sie auch die 8000 Anwesenden bei der zweieinhalbstündigen Show in Irland auf ihrer Seite. 2010 hatte Gaga bereits drei MTV EMAs abgeholt und toppte es dieses Jahr beeindruckend als beste Künstlerin, Star mit den meisten Fans plus mit „Born This Way“ als besten Song und bestes Video. Extra sexy rollte sie als lebendiges Wagenrad herein und holte sich die Preise ab. Bewusst brav gab sich Justin Bieber als bester Künstler und bester Popstar. Nach den Skandalen, die vielleicht auch nur erfunden waren, gab er sich freundlich auf leisen Sohlen. Immerhin war ja auch seine Freundin Selena Gomez als Moderatorin den ganzen Abend auf der Bühne samt der üblichen Outfit-Wechsel von Abendrobe bis sexy Minikleid.

Lachen konnte auch der Hawaiianer Bruno Mars mit zwei Awards als bester Newcomer und dem eigenartigen Preis „Best Push“. Dieser bestätigt nichts anderes, als dass MTV ihn ganz besonders stark unterstützt hat. Thirty Seconds To Mars wurden klar beste Alternative Band und – erneut selbst beweihräuchernd – bester Auftritt bei der MTV Show „World Stage“. Erneut fest in der Hand von Eminem war der Sektor Hip-Hop, der Rock gehörte Linkin Park und als bester Live-Act schaffte auch Katy Perry ihren Titel. Aufgefallen? Tatsächlich kein Preis für Europa bei den MTV Europe Music Awards! Das wussten die Veranstalter dann doch noch zu verhindern und ehrten die britische Legende „ Queen“ um den vor 20 Jahren verstorbenen Freddie Mercury mit dem „Global Icon Award“. Tja, die gibt es nun glaubwürdig nicht mehr hier. Oder wer sollte es den Amerikanern absehbar zeigen und die Preise selbst einstecken?